Die Dynamik des Internet

Hin und wieder beschwere ich mich ja darüber, dass in meinem Fach – der Reproduktionsmedizin – alljährlich eine „neue Sau durch´s Dorf getrieben wird“ und ein Jahr später diese neuen Studien und Methoden mit Recht in Vergessenheit geraten. Aber solange diese Sau im Dorf ist, laufen alle hinterher. Die Liste der Innovationen ist zu lang, als dass ich sie hier aufzählen könnte, man möchte ja auch nicht langweilen. Nur so als Tipp: Aktuell ist es das Intralipid. Behaupte ich mal.

Als Multiplikator für diese neuen Methoden dient für betroffene Paare vor allem das Internet. Bedauerlicherweise ist der Informationsfluss dort weitestgehend ungesteuert, so dass für den betroffenen Laien unklar ist, welche Hype verfolgenswert ist und wo der Weg absehbar in die Sackgasse geht. Zum Trost sei gesagt, dass dies auch den Experten nicht oft gelingt. Denn letztlich weiß niemand genau, welche neu entwickelte Methode, die in kleinen Studien geprüft wurde, sich später in großen Studien und damit in der Praxis durchsetzen wird.

Letztlich kann man als Experte nur versuchen, die Innovationen im Kontext des Bewährten zu sehen und mit seinen eigenen Erfahrungen abzugleichen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass man diese neuen Methoden im Setting der eigenen Praxis testet und bewertet, sollten sie nachvollziehbare Vorteile bieten. Das klingt jetzt nicht sonderlich wissenschaftlich, vor allem nicht für jene, die bei wissenschaftlichen Studien objektive und „wahre“ Ergebnisse erwarten. Solche Ergebnisse sind in den echten Naturwissenschaften wie Physik oder Chemie realistisch. In der Medizin jedoch gibt es immer einen Störfaktor, der eine Vielzahl von Variablen bietet, die sich zu allem Überfluss auch noch fortlaufend ändern: Den Patienten.

Nun aber zurück zu eigentlichen Thema: Internethypes und ihre praktische Umsetzung in der Praxis. Vor einigen Tagen schrieb ich einen Artikel in den Kinderwunsch-News, der sich mit der Testosteron-Gabe bei low respondern beschäftigte. Die dort zitierten Studien zeigten ein gutes Potential zur Verbesserung der Eizellausbeute bei diesen Patientinnen, wenn man Testosteron im Zyklus vor der Stimulation verabreicht.

Ein klassisches Eigentor. Während ich selbst aufgrund meiner Erfahrungen mit DHEA (ein ähnliche Methode zur Verbesserung der Eierstocksfunktion) diesen Studien eher skeptisch gegenüberstehe und mich die Zahl der Probanden auch nicht komplett überzeugte, erregte der Beitrag in den verschiedenen Internetforen zum Thema Kinderwunsch reges Interesse.

Die Folge war, dass in der letzten Woche bereits mehrere Patientinnen auf mich zu kamen und fragten, ob diese Therapie nicht evtl. auch für sie geeignet wäre. Da ich das ohnehin bei einigen der Patientinnen auch vorhatte (bei anderen hätte ich nicht daran gedacht), störte mich das nicht sonderlich und so sind bereits einige Zyklen mit dieser Zusatzmedikation geplant. Man wird sehen, was die Anwendung in der Praxis so bringt.

Stelle ich mir nun aber vor, dass nun auch viele andere Frauen mit einem Ausdruck dieses Artikels in der Hand die Sprechstunde von Kollegen auflaufen werden, dann habe ich da ein eher ungutes Gefühl. Diesmal habe ich die Sau selbst auf die Reise durchs Dorf geschickt…

2 Antworten auf „Die Dynamik des Internet“

  1. Hallo Herr Dr. Breitbach,

    nun ist aus Ihrem Artikel nicht klar erkennbar, ob Sie nun die Intralipidgabe befürworten oder nicht.

    Ich selbst würde gerne diesen Weg gehen, denn mit Endometriose und zahlreichen Sanierungen sowie mit 5 *** im Herzen wird die Hoffnung immer geringer.

    Hört man aber von der besten Freundin, dass es mit IL nach vielen, vielen IVFs nun doch geklappt hat…. so zieht man diesen Weg ernsthaft in Erwägung.

    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

    Mit besten Grüßen

    TH

  2. Ich personlich halte von den Intralipidgaben wenig. Die Studien, die es zu diesem Thema aktuell gibt, sind wenig überzeugend. Ich kann verstehen, dass man irgendwann bereit ist, nach jedem Strohhalm zu greifen und das Nebenwirkungsspektrum ist erfreulich gering. Ich finde es jedoch aktuell nicht gerechtfertigt, damit große Hoffnungen zu wecken

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