Suizidankündigungen in Foren

Es ist schon eine Weile her und mit dem nötigen zeitlichen und emotionalen Abstand möchte ich nun darüber berichten. Vor einigen Monaten verabschiedete sich eine Userin aus dem Forum und äußerte dabei die konkrete Absicht, aus dem Leben zu scheiden.

Nun wimmeln alle Foren und nicht nur einige unserer Foren auf wunschkinder.net von Leuten, die ihr Leben mit erfundenen Geschichten aufpeppen und Spaß daran haben, die Forengemeinde durch einen emotionale Achterbahn zu schicken. Wie also soll man darauf reagieren als jemand, der für das Forum verantwortlich ist? Ich sage ganz bewusst: Nicht verantwortlich für das Wohlergehen seiner User. Glücklicherweise kamen andere Mitglieder des Forums auf mich zu und fragten nach Hilfemöglichkeiten. Bekannte der Suizidgefährdeten riefen bei ihr zu Haus an und wurden darüber informiert, dass sie für ein paar Tage verreist sei.

Da keine direkte Kontaktaufnahme möglich war, wurde schließlich die Polizei informiert. Nicht von mir, da ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Verantwortung fühlte. Die Polizei meldete sich bei mir über Handy und bat um die Herausgabe der sogenannten IP-Adressen der Userin. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich gerade in der Praxis und konnte auf diese Daten nicht zugreifen. Mal abgesehen davon, dass in den sogenannten Logfiles Millionen von Einträgen abgespeichert sind und sich die Suche nach einer einzelnen IP-Adresse schwierig gestaltet. Mein Provider, in dessen Rechenzentrum unsere Server stehen, konnte jedoch unkompliziert helfen.

Mit Hilfe der IP-Adresse konnte die Userin in einem Hotel im benachbarten Ausland lokalisiert werden. Sie hatte bereits eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen, konnte jedoch gerettet werden.

Im Nachhinein war ich über meine recht laxe Handhabung dieses Falls selbst bestürzt. Das hätte ins Auge gehen können. Natürlich kann ich nicht auf alles reagieren, was in den Foren so passiert. Dazu wird dort einfach zu viel geschrieben. Aber im Hinblick auf schriftlich geäußerte Selbstmordabsichten kann ich mich nun nur Daniel Langwasser vom „Community Management Blog“ anschließen:

„Jede Ankündigung sollte ernst genommen werden! Lieber zehnmal blinden Alarm schlagen, als einmal zu wenig. Es geht hier in erster Linie um den Menschen hinter dem Mitglied. Diesem muss geholfen werden.“

Allerdings sehe ich mich nicht dazu in der Lage, von mir aus konkrete Hilfe anzubieten. Dazu bin ich nicht ausgebildet und kann dies über das Internet ohnehin nicht leisten. Jedoch werde ich in Zukunft mir selbst sehr schnell Hilfe suchen. Wer also einen solchen Text ins Forum setzt, wird damit rechnen müssen, recht schnell die Polizei vor der Türe stehen zu haben. Ich bitte dies nicht als Drohung misszuverstehen, sondern als den Versuch Menschenleben zu retten oder zumindest dazu beizutragen.

8 Antworten auf „Suizidankündigungen in Foren“

  1. Hallo Herr Dr. Breitbach,

    als langjähriger S-Moderator bis zur Schließung der Plattform http://www.death.de (eine Community mit den Kernthemen SVV, Borderline und Depressionen) bin ich bestürzt, dass Sie sich „nicht in der Verantwortung“ fühlten, die Polizei zu informieren, obwohl Sie die Suizidankündigung gesehen hatten. Sie führen aus, dass sehr viel auf Ihrer Plattform geschrieben wird. Nach der Rettung der Userin in letzter Sekunde haben Sie zwar Bestürzung geäußert, allerdings meinen Sie weiterhin: „Natürlich kann ich nicht auf alles reagieren, was in den Foren so passiert“. Natürlich können Sie nicht 24/7 in Ihrer Community verbringen, allerdings sollten Sie sich dann Hilfe aus der Community holen. In Ihrem Forum fehlt komplett der Bereich „Team/Moderatoren“. Ich würde Ihnen empfehlen, innerhalb nach Stammusern zu suchen, die Sie unterstützen. Binden Sie ihre Community Mitglieder mit ein, es erleichtert Ihnen die tägliche Arbeit. Neben der Untersagung von Suizidankündigungen in ihren Nutzungsbedingungen, sollten Sie außerdem ein (nur für Moderatoren/Admins sichtbares) Archiv anlegen. Dorthin können, für die normalen Mitglieder unsichtbar, entsprechende Härtefälle verschoben werden.
    Mit gängiger Forensoftware lässt sich zudem in Windeseile bei Bedarf die IP Adresse eines Nutzers auslesen.

    Beste Grüße,
    Alexander Drebs

  2. Als langjähriger Moderator eine Community mit dem Namen Death.de und den genannten Themen neigt man vermutlich schneller zur Bestürzung.

    Schauen Sie sich gerne in unseren Foren um. Nochmal. Also genauer. Ihre „Vorschläge“ sind dort bereits seit Jahren implemetiert.

    Schön, wenn Selbstkritik mit Selbstgerechtigkeit beantwortet wird.

  3. Schade, dass Sie meinen Beitrag so negativ und herablassend verstanden haben. Denn so war er nicht gemeint. Ich frage mich nur, was hätten Sie gemacht, wenn die Userin ihres Forums gestorben wäre, weil Sie „sich nicht in der Verantwortung fühlten“?

    Ich habe beim Besuch Ihres Forums einige Bereiche vermisst. Denn auch nach der Registrierung in selbigem war es mir nicht möglich, den Bereich Moderatoren/Team zu finden. Die „Technik-FAQ“ führt auf eine 404 Seite und auch die „Labertaschen“ oder die „Liste der User“ brachten mich bei der Suche nach einem Foren-Team nicht weiter. Diese Hinweise waren jedoch konstruktiv gemeint.

    1. Ok, dann habe ich es falsch verstanden. In jedem Beitrag des Forums findet sich ein Button, mit dem man anstößige, unpassende Inhalte melden kann und auch kommentieren kann, weshalb man den Thread oder Beitrag meldet. Die Meldung geht per Email automatisch an alle für dieses Forum zuständige Moderatoren. Dieser wird rege genutzt. Und über diesen Button wurde ich damals auch auf den Beitrag aufmerksam gemacht. Und über Emails, die mich über die Adresse im Impressum erreichten. An Kontaktmöglichkeiten fehlt es nicht.

      Und die Frage, die Sie sich gestellt haben, habe ich mir ja auch gestellt, deswegen schrieb ich ja diesen Artikel hier. Die plötzliche Verschränkung von Online- und Offline-welt war damals für mich sehr erschreckend. Und meine Konsequenz aus diesem Ereignis ist eben die am Ende des Artikels genannte: ich werde so etwas in Zukunft ernst nehmen. Immer.

  4. Hallo Elmar,
    das ist eine heftige Geschichte. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, in welcher Zwickmühle DU Dich befunden hast. Auf http://plaudern.de gibt es ein Selbstmordforum. Zu meinem Glück wird dieses aber sehr genau von Jugenschutz.net beobachtet und bei problematischen Inhalten wenden die sich an mich, wenn der Moderator nicht reagiert.

  5. Doc, Ihr Beitrag ist jetzt genau zwei Monate alt und ausgerechnet heute habe ich ihn (auf der Suche nach etwas anderem) gelesen.
    Ich halte Sie definitiv nicht für verantwortlich für unser Wohlergehen. Aber natürlich muss eine solche Ankündigung, die ich damals übrigens nicht gelesen hatte, ernst genommen werden.
    Mir persönlich fällt kaum etwas anderes ein als das, was dann auch geschehen ist.

    http://www.death.de gibt es anscheinend nicht mehr…

  6. Es ist rechtlich umstritten ob es erlaubt ist IPs zu speichern.
    Auch wenn es z.B. in phpBB standardmäßig aktiv ist (im Reiter „Wartung“ im Administrations-Bereich wird jede Forumsflatulenz geloggt), und scheinbar kein Ausschalter existiert.
    Das kann auch ins Auge gehen.
    Holger Voss hat die Telekom erfolgreich verklagt, weil diese an eine anfragende Staatsanwaltschaft seine Adresse rausgab.
    Dabei handelte es sich zwar um den Internetprovider selbst, aber die rechtliche Basis ist die selbe.
    Es ist nicht gestattet pauschal IPs zu speichern, wenn diese nicht für den Betrieb der Seite oder die Abrechnung eines Internetproviders nötig sind (bei Flatrates NIE nötig).
    Es ist sogar umstritten ob es Webseitenbetreibern (egal ob privat oder Firma, egal ob Forum oder Kommenbtarfunktion eines Blogs) erlaubt ist zu speichern, wenn sie darauf hinweisen.
    Siehe Telemediengesetz unbd Datenschutzgesetze.

    => http://www.heise.de/newsticker/meldung/BGH-bestaetigt-Urteil-zur-Loeschung-von-IP-Adressen-115338.html

    Man kann also tatsächlich von einem Gericht verurteilt werden, weil man auf die Anfrage der Polizei oder gar einer Staatsanwaltschaft an diese geloggte Daten rausgibt. Auch wenn die einem mit rechtlichen Konsequenzen drohen, das schützt nicht vor späterer Strafe.
    Auch wenn mit diesen Daten ein Mord aufgeklärt würde, der Mörder könnte Sie für die Speicherung der Daten verklagen.

    Auf der sicheren Seite ist man da nur, indem man gar nicht erst speichert.
    Was man nicht hat, das kann man nicht rausgeben.
    => http://wir-speichern-nicht.de/

    Evtl. auch durch die Erfahrung mit Holger Voss, gibt die Telekom auch bei „Gefahr im Verzug“ keine Daten mehr raus: http://www.telespiegel.de/news/10/0103-telekom-selbstmord-forum.html
    Die Telekom hat da richtig gehandelt.

    P.S.:
    Ich würde es bei einer Suizidseite mit ausdrücklich erlaubter Suizidankündigung auch so halten.
    Wenn so etwas ausdrücklich erlaubt ist, müssen die Besucher auch darauf vertrauen können dass der Betreiber sie nicht verrät.
    Suizid oder die Ankündigung dessen, ist schließlich keine Straftat. Nicht mal die Anstiftung wäre eine solche (da es Anstiftung nur bei Straftaten gibt). Als Betreiber hat man auch keine „Garantenrolle“.
    Wenn die Polizei anruft und die Daten eines Suizidgefährdeten will, könnte dies in süffisantem Ton abgelehnt werden.
    Dafür wird dann evtl. ein analoges Post-Wählscheibentelefon mit extra Nummer (Voice-over-IP-Festnetznummern gibt es ja kostenlos im Internet) angeschlossen. Das macht ein schönes Geräusch wenn man den Hörer auf die Gabel legt…

    Im Gegenteil, man könnte alle denkbaren Möglichkeiten nutzen um auch eine Identifizierung an einem vorbei mit Hilfe des Webhosters zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Da wäre die Möglichkeit eines Webhosters in den USA oder anderem Land. Oder den Webspace auf einem Computer hinter dem VDSL50-Anschluss daheim. Dann kann die Polizei nicht mal einen Webhoster um Mithilfe bitten.

    Und technisch das manipulieren des verwendeten Forensystems nach Anleitung von Wir-Speichern-Nicht, bzw. dem Supportforum des Forensystems.
    Dann findet auch der Webhoster, wenn dieser sich Zugriff auf die Datenbank der Webseite verschafft, keine IP.
    Dann bleibt noch eine theoretische Möglichkeit. Der Server auf dem man den Webspace hat, hat einen eigenen Log, den Serverlogg. Da wird jeder kleine Zugriff auf den Server und die einzelnen Webspaces der Shared-Space-Nutzer (shared space = man teilt sich einen Server mit anderen) verzeichnet.
    Wenn die Webseite bzw. das Forenscript zwar keine IPs speichert, aber die Zeit jedes Beitrages von Nutzern, könnte man theoretisch die Beitragszeit (die ja für jeden Besucher sichtbar ist) mit der Zeit der Zugriffe auf den Server vergleichen, und so (um so weniger Besucher, um so genauer) den Eintragenden finden.
    Wenn man als Webseitenbetreiber nun die Beitragsuhrzeit/Datum-Anzeige deaktivieren oder ungenauer schalten könnte (z.B. nur der Tag), wird auch diese Art der IP-Identifizierung unterbunden.
    Gibt es nur einen Besucher am Tag, wäre auch der Tag noch zu ungenau.

    Und dann besteht noch die Möglichkeit den Besuchern der Webseite Tipps zu geben, wie sie ihre IP wirkungsvoll verschleiern. Z.B. durch den Einsatz von TOR-im-Browser, OperaTOR und ähnlichen Browsern.
    Dazu würde und werde ich keine Emailverifizierung bei der Registrierung aktivieren, und darauf hinweisen, dass man auch eine falsche Email eintragen darf.
    Ich glaube so eine Seite würde auch von „Jugendschutz.net“ (Selbstdarstellerischer zahnloser Tiger) beobachtet.
    Aber mehr als hilflos zusehen könnten auich die nicht.
    Auch nicht, wenn jeden Tag einer nachweisbar erfolgreich dort seinen Suizid ankündigen würde (ca. 15 erfolgreiche Suizide gibt es jeden Tag in Deutschland). Eine solche Webseite könnte nicht über den Rechtsweg geschlossen oder bekämpft werden.
    Evtl. würde ein Hoster unter fadenscheinigen Begründungen Vetragsbruch begehen und die Seite stillegen, aber nach spätestens 24h wäre sie wieder online.

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