Insbesondere jene, die sich häufig in Diskussionsforen im Internet herumtreiben, kennen sie: Die User, die einfach zu jedem Thema alles wissen. Und dies selbstverständlich auch jedem mitteilen.

Warum ist es nur so, dass manche Leute ihre eigenen und ganz persönlichen Erfahrungen als das Maß aller Dinge ansehen und die anderer Diskussionsteilnehmer als nicht maßgeblich abtun? Warum sind oft Menschen mit dem Horizont einer Untertasse davon überzeugt, die ganze Welt zu kennen – und schlimmer noch – zu verstehen?

Ich ging immer davon aus, dass dahinter die Angst vor der Konfrontation mit den Neuen und Unbekannten steckt, die beim Verlassen des festgefügten Gebäudes aus Weisheiten und unumstößlichen Wahrheiten nicht zu vermeiden ist. Das erklärte auch, warum diese „Wahrheiten“ so vehement und bisweilen aggressiv verteidigt werden und weshalb andere Meinungen konsequent ignoriert werden. Beeindruckend finde ich dann auch immer das Selbstbewusstsein, mit dem diese Positionen vertreten werden.

Ich hatte dieses Thema heute in einer kleinen Twitter-Unterhaltung angerissen und dabei folgende These vertreten: „Je inkompetenter, desto weniger Selbstzweifel. Findet man überall. Ärzte. Politiker. Such´s dir aus.

Durch „Holgi“ wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich mit dieser Wahrnehmung nicht alleine dastehe, sondern Dunning und Kruger dies bereits 1999 erstmal beschrieben und dafür im Jahr 2000 den satirischen Ig-Nobelpreis erhielten.

Der nach ihnen benannte Dunning-Kruger-Effekt ist eine Form der kognitiven Verzerrung und beschreibt die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Personen zu unterschätzen.

Dunning und Kruger hatten in vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. An der Cornell University erforschten die beiden Wissenschaftler diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zum Resultat, dass weniger kompetente Personen

  • dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen,
  • überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen,
  • das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht zu erkennen vermögen,
  • durch Bildung nicht nur ihre Kompetenz steigern, sondern auch lernen können, sich und andere besser einzuschätzen.

Das beantwortet zwar nicht die von mir eingangs gestellten Fragen, gibt mir jedoch das beruhigende Gefühl, mit meiner Wahrnehmung nicht alleine zu sein. Und einen Namen hat diese Wahrnehmung nun auch.

 

13 Responses to Der Dunning-Kruger-Effekt

  1. Dierk sagt:

    Dunning/Kruger waren auch nicht die ersten, denen das auffiel:

    The whole problem with the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, but wiser people so full of doubts.

    Bertrand Russell

  2. Calle Niewöhner sagt:

    „Ich“, ja Du!,
    im Mittelpunkt des Universums des Menschseins stehend, erkennst Du natürlich erst neuerdings, das Selbstüberschätzung im Irrtum nur Andere befällt, was zuvor deinem alloffenen Horizont zwar schwante, doch nun wissenschaftlich zementiert ist.
    Weshalb es Dir dieses Artikels wert ist, nichtahnend, möglicherweise selbst dem beschriebenen Personenkreis zugehörig seiend?
    Rezitierend Pseudokompetenz erheischend?
    Rede sei silbern, das Schweigen goldig?
    Noch zweifelnd?

  3. @ Calle: Schweigen in einem Blog? Das wäre irgendwie merkwürdig. Und den Rest habe ich nicht verstanden, tut mir leid. Diese Prosa überfordert mich.

    Aber vermutlich habe ich mit deinem Kommentar das gleiche Problem wie du mit meinem Artikel. Ich bitte daher vielmals um Entschuldigung.

  4. Calle Niewöhner sagt:

    Lieber Elmar, macht nix,
    dann verzeih bitte die scriptorrhoe.
    lG, Calle

    • Calle Niewöhner sagt:

      Lieber Elmar, vielleicht hilft Folgendes?

      Mal kurz was zum Ausdruck „Effekt“ (von lateinisch: effectus = „Wirkung“, „Erfolg“, zu: efficere = „effizieren“, „hervorrufen“, „bewirken“ – von: facere = „machen“):
      Dunning „macht“ nicht den überheblichen Ignoranten, sondern er beschreibt das DBDDHKPUKKU-Phänomen (doof bleibt doof, da helfen keine Pillen und keine feuchten Umschläge), was zu Erkennen,hihi (Kicher) dem Sensiblen in die Wiege gelegt zu sein scheint und den Altvorderen schon sprichwörtlich bekannt war, den Übrigen erst durch das Essay verdeutlicht wurde.
      Weil Kognitivität nicht Sensitivität koppelt, wird mit Begeisterung von Letzteren ein „Effekt“ kreiert und gefeiert, mit dessen neologistischer Wortgewalt die sich selbst der Beobachtergruppe einzuriegen versuchen.

  5. Das ist es ja, was ich meine: Sensibilität als „Erkennen“ ist die Voraussetzung für Lernen und damit für die Erweiterung des Horizonts. Ist diese nicht vorhanden, wird man dazu neigen, Neues zu negieren und auf seiner Meinung zu verharren. Wenn dann jemand neue Argumente in eine Diskussion mit dem „Unsensiblen“ einbringt, wird er von diesem im Zuge der Vereinfachung seiner eigenen Sichtweise als inkompetent abgetan. Ob man das dann als DKE bezeichnet oder wie auch immer, sei dahingestellt. Da ich dieses Phänomen als Betreuer eines großen Forums sehr häufig als Zündfunken für seitenlange Flamewars beobachten konnte, war meine Freude groß, als ich die Beschreibung dieses Problems als DKE in Wikipedia fand.

    Ich rede hier übrigens nicht überheblicherweise von Diskussionen mit Beteiligung meiner Person, sondern Diskussionen, die ich als Forenadmin gezwungen war, zu beobachten.

    Ich sehe daher zwischen dem, was oben steht und deinem letzten Kommentar keine echten Widersprüche.

    • Calle Niewöhner sagt:

      Ok, lieber Elmar,
      was am Studienergebnis von D&K ist wirklich bahnbrechend neu, dass es einen Eigennamen, als wäre es ein medizinisches Syndrom, verdient hätte? Weshalb toppst Du das durch Erfindung des Akronyms DKE, wenn bestenfalls DK-Beobachtung angemessen wäre?
      Nur deswegen, weil sich deine Lebenserfahrung mit den Beobachtungen von zwei Anglizisten deckt und du deshalb im Nachhinein Genugtung erfährst?
      Sollte diese Erfahrung für dich effizient gewesen sein?

      Kein Grund, im Affekt den Effekt zu falsifizieren , oder?

      Grüßle, Calle

  6. Er wurde offenbar 1999 publiziert, daher ist er wohl nicht neu. Entschuldige bitte, dass ich Beobachtung oder den Effekt (Wikipedia) erst jetzt zur Kenntnis nahm. Eine Abkürzung verwende ich zum Abkürzen, d. h. um längere und wiederkehrende Begriffe nicht auschreiben zu müssen. Und ich schrieb dann auch noch „wie auch immer“ dahinter, offenbar voraussschauend, dass dir der DK-„Effekt“ nicht behagt. Aus welchen Gründen auch immer.

    „Genugtuung“ würde bedeuten, dass ich mich in diesem Zusammenhang ein Leben lang missvertanden und gegen Windmühlenflügel kämpfend gesehen hätte. Das habe ich weder im Artikel noch in meinen Kommentaren behauptet. „Bestätigung“ wäre der passende Begriff.

    Von Affekt kann eigentlich keine Rede sein. „Beruhigendes Gefühl“ ist nun wirklich nicht das, was man gemeinhin unter Affekt versteht. Und nun frage ich mich erneut, warum du den Eindruck hast ich hätte den Effekt/die Beaobachtung/was auch immer „falsifiziert“. Meintest du vielleicht überberwertet? Du musst aber nicht antworten, denn diese Diskussion beginnt mich zu ermüden, da ich dir auch intellektuell nicht zu folgen in der Lage zu sein scheine und es mir zunehmend schwerer fällt, zwischen der Wortmalerei (Affekt/Effekt) die Argumente zu erkennen.

  7. Ute sagt:

    @Elmar: Sehr erheiternd, daß sich in den Kommentaren auch umgehend ein lebendes Beispiel einfand. LOL

  8. Hannes sagt:

    Ja das stimmt, aber nicht nur in den Kommentaren…

    Offensichtlich sind Ärzte jedoch gegen die Wahrnehmung ihrer eigenen Selbstüberschätzung gefeit, da sie zu lange der Fremdüberschätzung ausgesetzt waren.

    http://www.stupidedia.org/stupi/Dunning-Kruger-Effekt

    „Kompetente Personen neigen dazu, arrogant zu sein
    das Ausmaß der In(k)ompetenz bei anderen gut einzuschätzen
    unterlegene Fähigkeiten bei anderen gnadenlos auszunutzen
    reich zu sein“

  9. Der „Dunning-Kruger-Effekt“ ist in der Tat nichts weiter, als eine schöne Formulierung für ein uraltes menschliches Phänomen. Dieses tritt allerdings extrem verstärkt auf, seit es durch die Anonymität im Internet möglich ist, wider besseren Wissens Dinge zu behaupten, die absurd sind und die Diskussionspartner zu beschimpfen oder zu beleidigen oder einfach nur durch den Kakao zu ziehen.

    In Zeiten wie diesen, wo Wikipedia für einen Großteil der Normaldebilen ein ernstzunehmendes Recherchemedium darstellt, ist es sogar ohne weiteres möglich, anonym völligen Quark als „wissenschaftlich gesichert“ erscheinen zu lassen. Deshalb halte ich den „Dunning-Kruger-Effekt“ für eine sehr gute Idee, deren Erfinder sich vermutlich kaputt lachen, daß darüber ernsthaft diskutiert wird 🙂 Darüber freue ich mich.

  10. Bevor wir hier nur Wikipedia und Stupidedia referenzieren, nochmal ein Update aus dem Jahr 2008. Nichts ist ja erhellender als Primärliteratur:

    Why the Unskilled Are Unaware: Further Explorations of (Absent) Self-Insight Among the Incompetent

    Ehrlinger J, Johnson K, Banner M, Dunning D, Kruger J.
    Organ Behav Hum Decis Process. 2008 Jan 1;105(1):98-121

    Man mag davon ja halten, was man möchte (nachdem man es gelesen hat vorzugsweise) aber eine schlichte bullshit Theorie ist es nicht.

    @ Hannes: Den Halbgott in Weiß gibt’s schon lange nicht mehr. Manchmal bedaure ich das auch ein wenig 😉 Und dein letzter Absatz: Ist der direkt aus Google translate? Klingt irgendwie unrund und mir unverständlich.

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