Darf man als Arzt Patienten bei Facebook als „Freunde“ annehmen, oder ihnen bei Twitter folgen?

Eine Frage, der sich das renommierte medizinische Fachmagazin „Lancet“ in einem Artikel annimmt. Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeiten sozialer Netze im Internet und wenn Ärzte sich bei Twitter, Facebook und ähnlichen Plattformen beteiligen, stehen sie auch vor der Frage, welche Inhalte und Informationen sie teilen können und wie sie damit umgehen, dass Patienten über diese Netzwerke Kontakt zu ihnen aufnehmen. Darf man auf diesen Plattformen „Freundschaften“ mit seinen Patienten eingehen?

Lancet sieht die Gefahr, dass die Grenze zwischen Profession und Person verschwimmen und die klare Abgrenzung zwischen Arztrolle und Privatperson verschwinden könnte.

Wie hältst du´s mit dem Internet: Eine Generationenfrage auch bei Ärzten

Es scheint vor allem eine Generationenfrage zu sein. Während ältere Ärzte ein großes Problem darin sehen, durch den nivellierenden Austausch mit Patienten im Internet die Hierarchien durcheinander zu bringen, sehen jüngere Ärzte darin kein wesentliches Problem.

Losgelöst von den sozialen Plattformen wird auch das Fachwissen der Ärzte durch das Internet zunehmend demokratisiert und gelegentlich auch in Frage gestellt. Zumindest für die „zweite Meinung“ sind die so erhältlichen Informationen aus Sicht der Patienten gut genug. Dem Rollenverständnis der älteren Ärztegeneration läuft dies zuwider. Vor 1-2 Jahrzehnten wurde die Meinung eines Arztes selbstverständlich akzeptiert und nicht hinterfragt. Ärzte, die vor dieser Zeit sozialisiert wurden, sehen daher im Internet vor allem die Gefahren, insbesondere für ihre Autorität.

Grundsätzlich stellt sich mir die Frage, ob es nicht besser ist, die ärztliche Autorität im Wesentlichen auf Fachwissen zu gründen und nicht auf eine Rollenverteilung, die naturgeben ist, nur weil man selbst Arzt und alle anderen Patienten sind. Wer seine Rolle daher weniger eindimensional sieht, hat dann möglicherweise auch weniger Angst davor, dass Person und Arztrolle nicht scharf voneinander getrennt werden können.

Ärztliche Schweigepflicht: Ein hohes Gut

Natürlich muss man sich als Arzt seiner Rolle in der Öffentlichkeit bei bestimmten Aspekten andauernd und ohne Ausnahme bewusst sein. Dazu gehört – unabhängig davon, wie man sich selbst in der Öffentlichkeit präsentiert – dass man es seinen Patienten selbst entscheiden lässt, wie sie selbst es tun. Anekdoten aus der Praxis müssen tabu sein und dürfen keinesfalls einen Rückschluss auf bestimmte Personen zulassen.

Autoritätsverlust?

Wie bereits gesagt: Die Demokratisierung des Wissens wird von Expertenseite als Gefahr für ihre Position gesehen. Diese Demokratisierung ist jedoch keine. Das im Internet präsentierte Wissen insbesondere zu wissenschaftlichen Themen ist bruchstückhaft und nicht zuletzt auch oft fehlerhaft und von Meinungen durchsetzt, die einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise nicht standhalten. Die Recherche in Onlineversionen von Fachpublikationen führt oft zu zusätzlicher Verwirrung, weil dem Laien der Gesamtkontext fehlt und damit der Maßstab für eine Bewertung von Studienergebnissen.

Den Ärzten kommt demzufolge eine neue Rolle zu: Das „Wissen“ der durch das Internet informierten Patienten zu sortieren und in einen echten wissenschaftlichen Kontext zu stellen. Eigene Therapie(-vorschläge) müssen ausführlicher als früher begründet und erläutert werden. Je weiter die Vorinformation des Patienten von der Expertenmeinung abweicht („Ich lasse mein Kind nicht impfen, da bekommt es Gehirnhautentzündung von. das kann man überall nachlesen“), desto mühsamer können solche Gespräche sein.

Persönlich entsteht dadurch aber keinen Autoritätsverlust für den ärztlichen Experten. Es kann jedoch unerhört lästig und zeitintensiv sein, den Patienten aufzuklären.

Die Konsequenz: Selbst das Thema bestimmen

Statt sich nun als Experte darüber aufzuregen, dass im Internet nur Mist zum eigenen Fachbereich zu finden ist, sollte man lieber dafür Sorge tragen, dass der Suchende über Google wirklich hilfreiche Seiten findet. Und das gelingt am besten, indem man solche Inhalte selbst erstellt. Das war im Übrigen auch die Motivation für mich, vor vielen Jahren wunschkinder.net ins Netz zu stellen.

Hilfreich ist es dabei, in direkten Austausch mit den Besuchern der Informationsseiten zu treten, um Unklarheiten zu beseitigen und zu Themenbereichen Stellung zu nehmen, die man noch nicht ausreichend abgedeckt hat. Auch ganz speziell das Ausräumen von Mythen ist nur mit direkten Kommunikationsformen möglich. Anfangs (und auch jetzt noch) waren es vor allem Foren, in denen dieser Austausch stattfand. Es kamen Blogs, in deren Kommentaren man ebenfalls (themenzentriertere) Diskussionen führen konnte. Und nun sind es die sozialen Netzwerke.

Schon im Forum von wunschkinder.net ergaben sich im direkten Austausch Kontakte und rege Diskussionen mit einzelnen Mitgliedern dieser Plattform. Wobei mir persönlich nicht klar war, wer hinter den Pseudonymen wie „susi68“ oder „hoffnung2001“ steckt. Möglicherweise Patienten von mir. Oder auch nicht.

Es war und ist jedoch auch nicht von Bedeutung, denn was ich im Forum schreibe, würde ich meinen Patienten ebenso erzählen. Natürlich bin ich Forum zurückhaltender, aber nicht wegen eines drohenden Autoritätsverlustes, sondern um Verwirrungen zu vermeiden. Es führen in jeder medizinischen Behandlung nicht viele, aber immer mehrere Wege zu Ziel und die behandelnden Ärzte der Fragesteller mögen im Detail andere Wege beschreiten als ich es täte, ohne dass einer diese Ansätze besser oder schlechter wäre.

Also: Twitter und Facebook: Freundschaftsanfragen annehmen?

Wenn ich nun Twitter und Facebook als einen weiteren Kanal zur Verbreitung interessanter News zum Thema Kinderwunsch nutze, dann ändert sich im Vergleich zu meiner Tätigkeit in den Foren nicht viel.

Auf Facebook, in diesem Blog und auf Twitter werden die Informationen zum Thema Kinderwunsch gelegentlich von privaten Meinungen oder Bildern aus dem letzten Urlaub durchmischt. Einen Autoritätsverlust würde ich sicherlich riskieren, wenn ich hier zotige Witze erzählen würde oder mich wesentlich anders präsentierte als ich es sonst tue.

Selbstverständlich habe ich offline auch eine Trennung zwischen meiner „Rolle“ als Arzt und der als Privatperson. Da mein Rollenverständnis jedoch weniger dem „Halbgott in Weiß“ entspricht, sondern eine Schnittmenge mit der Privatperson bietet, vermute ich, dass meine Patienten sich nicht erschrecken, wenn sie mir auf Twitter oder Facebook begegnen. Denn natürlich ergibt sich auch in der Paxis mal ein Gespräch über den letzten Urlaub oder den Lieblingsfußballverein.

Eine Frage der eigenen Präsentation auf Facebook

Bei Anfragen über Twitter werde ich es aufgrund der dort gewählten Pseudonyme ohnehin nicht gewahr, wenn eine Patientin dahintersteckt, es sei denn, sie gibt sich als solche zu erkennen. Bei Facebook werden meist reale Namen verwendet und daher stellt sich mir auf dieser Plattform dann eher die Frage, ob ich Freundschaftsanfragen annehmen sollte. Wäre meine persönliche Facebook-Seite primär privater Natur, würde ich es vermutlich ablehnen, solche Anfragen zu bestätigen. Und ich stimme zu, dass möglicherweise eine Gefahr des Autoritätsverlustes bestünde, würde ich dort über allzu private Details meines Lebens berichten. Zumindest bei den Patienten, die dem alten ärztlichen Rollenbild nachhängen.

Präsentiere ich mich jedoch in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten meines ärztlichen Tuns, gelegentlich durchmischt von unverfänglichen privaten Informationen, dann ergibt sich keine wesentliche Diskrepanz zu dem, was meine Patienten auch aus der Praxis kennen. Auch dort ist der Arzt als Mensch erkennbar und so sollte es meiner Meinung nach auch sein (s. o.) Und daher habe ich auch keine Einwände gegen Kontaktanfragen durch Patienten und bestätige diese nach dem gleichen Muster wie die Anfragen anderer Personen auch.

Meiner Umfrage zu diesem Thema auf Twitter war leider nur wenig Resonanz beschieden, aber zwei twittertypisch kurze und prägnante Hinweise verdienen es, hier eingang zu finden:

Ob man „Freundschaftsanfragen“ auf Facebook zulässt „ist eine Frage an die eigene Distanzierungs-/ Unterscheidungsfähigkeit„.
Von einer Patientin kam die Antwort: „Ich definiere Facebook Freunde nicht als Freunde, sondern als Kontakte„. Letzteres ist ein guter Hinweis: Ich habe über beide Plattformen viele Menschen kennengelernt, die ich schätze. Aber es sind und bleiben „Kontakte“, wenngleich zum Teil auch sehr ersprießliche. Freunde habe ich nur offline. Und einige Freundschaften sind wesentlich älter als das Internet.

 

5 Responses to Freundschaftsanfragen von Patienten bei Facebook

  1. Die Sichtweise eines Psychologen ist hierbei vermutlich ohnehin fundierter. Zumindest ist die die Trennung von Therapeut und Mensch, Übertragung und Gegenübertragung, in diesem Zusammenhang von ungleich größerer Bedeutung.

  2. @Ute: das war mir bisher immer zu kompliziert, aber vermutlich eine gute Idee.

  3. XiongShui sagt:

    Volle Zustimmnung.

    Ich denke, es ist sowohl in der Praxis, wie eben auch online wichtig, als ‚Mensch‘ erkennbar zu sein. Das geht nicht, indem man weite Bereiche seines Seins vor der Einsicht des Gegenübers verschließt. Wichtig ist es, immer die Grenze zwischen professionellem Handeln und und Privatem (auf beiden Seiten) im Blick zu haben – und selbstverständlich Grenzüberschreitungen zu vermeiden.

    So kann der (für den Patienten erkennbare) Mensch hinter dem Profi ein weiteres heilendes Agens sein. Nämlich, indem er auch ein Beispiel gelungenen Lebens bietet – und im eventuellen Scheitern auch ein Beispiel dafür gibt, daß Scheitern zum Leben gehört und letztendlich auch zum Gelingen beitragen kann.

    Auch wenn das hier erkennbar aus dem Blickwinkel des Psychologen gesagt wird: es gilt für alle ‚Heilenden‘. Der heilende Halbgott ist entrückt und für manche Patienten eher drohend als helfend. Dem Mitmenschen, der mit besonderen Fähigkeiten oder Fertigkeiten ausgestattet ist, öffnet sich der Patient leichter und vertraut sich ihm eher an – und das Vertrauen mit zu den heilenden Substabzen gehört, steht inzwischen wohl außer Frage.

    So nebenbei: ich gehe stramm auf die Siebzig zu 😉

  4. Ute sagt:

    Man sollte auch die technischen Möglichkeiten bei Facebook nicht unterschätzen. Facebook ist ja nicht binär. Man kann schließlich für verschiedene „Intimitäsgrade“ verschiedene Kontaktlisten anlegen. Habe ich persönlich zwar noch nie benutzt, aber ich denke, das ist ein nützliches Tool, nötigenfalls nicht jeden alles sehen zu lassen und doch ein wenig mehr Kontakt zu erlauben, als üblicherweise in der Arztpraxis entsteht.

  5. Grumml, nun habe ich hier im Blog die Kommentare durcheinandergebracht. Sorry

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